
Aus der Rede des Häuptlings Seattle an die Weißen, die das Land seines Stammes kaufen wollten (um 1860)*
Wie läßt sich der Himmel oder die Wärme der Erde kaufen oder verkaufen? Dieser Gedanke ist uns fremd. Wenn die Frische der Luft und das Glänzen des Wassers nicht uns gehören, wie könnt ihr sie uns dann abkaufen?
Die Erde ist unsere Mutter
Jeder Teil dieser Erde ist meinem Volk heilig. Jede funkelnde Tannennadel, jeder Sandstrand, jede Lichtung und jeder Nebel im Dunkel der Wälder, jedes summende Insekt ist heilig in den Gedanken und den Erfahrungen meines Volkes. Der Saft, der in den Bäumen aufsteigt, birgt die Erinnerung des roten Mannes.
Die Verstorbenen der weißen Völker vergessen das Land, in dem sie geboren wurden, wenn sie die Erde verlassen, um unter die Sterne zu wandern. Unsere Toten vergessen diese wunderbare Erde nie, weil sie die Mutter jedes roten Mannes ist. Wir sind ein Teil dieser Erde und sie ist ein Teil von uns. Die duftenden Blumen sind unsere Schwestern. Das Wild, das Pferd und der große Adler sind unsere Brüder. Die hohen Felsen, die saftigen Wiesen, die Körperwärme der Ponys und Menschen sind alle Teil der gleichen Familie.
Die Flüsse sind unsere Brüder
Glitzerndes Wasser, das sich in Bächen und Flüssen dahinbewegt, ist nicht bloß Wasser, sondern das Blut unserer Ahnen. Sollten wir euch unser Land verkaufen, so müßt ihr wissen: es ist heilig und jeder flüchtige Reflex im klaren Wasser der Seen berichtet von den Begebenheiten und Traditionen meines Volkes. Das Murmeln des Wassers ist die Stimme meiner Vorväter und -mütter.
Die Flüsse sind unsere Brüder. Sie stillen unseren Durst, sie tragen unsere Kanus und geben unseren Kindern Nahrung. Sollten wir euch unser Land verkaufen, dann dürft ihr eines nicht vergessen und müßt es auch euren Kindern beibringen: die Flüsse sind unsere Brüder. Und eure. Und ihr müßt die Flüsse von jetzt an genauso gut behandeln wie jeden anderen auch.
Alle Dinge teilen denselben Atem
In den Städen der Weißen gibt es keine Stille, keine Ort, wo man h ören kann, wie die Insekten summen oder sich im Frühling die Blätter entfalten. Was hat man schon vom Leben, wenn man den einsamen Schrei des Ziegenmelkvogels nicht hören kann oder das nächtliche Gezeter der Frösche am Teich? Ich bin ein roter Mann und begreife euch nicht.
Der Indianer mag den sanften Laut des Windes, wenn er über die Oberfläche eines Weihers streicht. Und er mag den Geruch des Windes, wenn er vom mittäglichen Regen geklärt ist, oder schwer von Kiefernduft. Die Luft ist etwas Kostbares für den roten Mann, denn alle Dinge teilen denselben Atem. Tiere, Bäume, Menschen alle teilen denselben Atem.
Der weiße Mann scheint die Luft, die er atmet, gar nicht zu bemerken. Wie ein Mensch, der schon tagelang im Sterben liegt, ist er abgestumpft gegen ihren Gestank. Doch sollten wir euch unser Land verkaufen, dann müßt ihr euch daran erinnern, daß die Luft für uns etwas Kostbares ist und daß sie ihren Geist mit allem Leben teilt, das sie erhält. Der Wind gab unseren Vätern und Müttern den ersten Atemzug, und nimmt auch ihren letzten.
Der Wind muß auch unseren Kindern den Lebensodem geben. Wenn wir euch unser Land verkaufen, dann müßt ihr es als ein besonderes, geweihtes Stück Erde achten und es als einen Ort schätzen, wo auch der weiße Mann bemerkt, wie süß der Wind nach Wiesenblumen duftet.
Die Tiere sind unsere Geschwister
Wir werden über euren Vorschlag, unser Land zu kaufen, nachdenken. Und wenn wir beschließen, ihn anzunehmen, dann nur unter einer Bedingung: Der weiße Mann muß die Tiere des Landes wie seine Brüder behandeln. Ich bin nur ein Wilder und weiß es nicht besser. Ich habe Tausende von vermodernden Büffeln gesehen, die vom weißen Mann liegen gelassen wurden, nachdem er sie aus dem vorüberfahrenden Zug erschossen hatte. Ich bin nur ein Wilder und kann nicht begreifen, warum das rauchende Eisenpferd wichtiger sein soll als der Büffel, den wir nur töten, um selbst am Leben zu bleiben.
Was wäre der Mensch ohne die Tiere? Wenn alle Tiere fort wären, würder Mensch geistig vereinsamen und sterben.
Wir sind die Kinder der Erde
Alles, was den Tieren passiert, passiert über kurz oder lang auch den Menschen. Denn alles ist miteinander verbunden. Was der Erde widerfährt, widerfährt auch den Söhnen und Töchtern der Erde.. Lehrt eure Kinder, daß der Boden unter ihren Füßen die Asche unserer Großväter ist. Erzählt ihnen, daß die Erde vom Leben unserer Vorfahren erfüllt ist, damit sie dieses Land achten. Bringt euren Kindern bei, was wir unseren Kindern beibringen: Die Erde ist unsere Mutter.
Alles was der Erde zustößt, stößt auch den Söhnen und Töchtern der Erde zu. Wenn Menschen auf die Erde spucken, bespucken sie sich selbst. Denn eines wissen wir: Die Erde gehört nicht den Menschen, der Mensch gehört der Erde. Das wissen wir. Alle Dinge sind miteinander verbunden, wie das Blut, das eine Familie verbindet. Alles ist miteinander verbunden. Was der Erde widerfährt, widerfährt auch den Söhnen und Töchtern der Erde. Der Mensch hat das Gewebe des Lebens nicht erschaffen, er ist darin bloß eine Faser. Alles, was ihr diesem Gewebe antut, fügt ihr euch selber zu.
Unser Schöpfer ist derselbe
Eines wissen wir, doch das entdeckt der weiße Mann vielleicht erst später: der Schöpfer alles Lebens ist die allumfassende, geheimnisvolle Kraft, das Große Geheimnis. Unser Schöpfer ist ein und derselbe. Ihr denkt vielleicht, daß er euer Eigentum ist, so wie ihr danach strebt, unser Land zu besitzen, aber das könnt ihr nicht. Alles Leben ist die Verkörperung dieser geheimnisvollen Kraft, und die Erde zu verletzten bedeutet, diese Kraft zu mißachten.
Wenn wir euch unser Land verkaufen, dann tragt Sorge dafür, so wie wir dafür Sorge getragen haben. Behaltet es fest in eurem Gedächtnis, wenn ihr es nehmt. Und bewahrt es mit ganzer Kraft, mit ganzem Verstand und mit ganzem Herzen für eure Kinder. Und schenkt ihm eure Liebe.
Eines wissen wir: Wir haben denselben Gott. Er ist der Gott der Menschen, der roten wie der weißen. Und diese Erde ist ihm heilig. Auch der weiße Wann kann dem Los, das uns gemeinsam bestimmt ist, nicht entgehen. Am Ende sind wir vielleicht doch Brüder. Wir werden sehen.
*entnommen aus: Visionen Das Magazin für ganzheitliches Leben, Ausgabe Juli/August 1999, Seite 12-13
Sonnengesang
Herr, sei gelobt durch unseren Bruder Wind, durch Luft, Wolken und jegliches Wetter, durch welches du deine Geschöpfe erhältst. Herr, sei gelobt durch Schwester Wasser, sie ist gar nützlich, demutsvoll und keusch. Sie löscht den Durst, wenn wir ermüdet sind. Herr, sei gelobt durch Bruder Feuer, der uns erleuchtet die Dunkelheit und Nacht. Er ist so schön, gar kraftvoll und auch stark. Herr, sei gelobt durch Mutter Erde, die uns trägt und ernährt und vielerlei Frucht bringt und farbige Blumen und Gras.
Franz von Assisi